Warum der Engel lachen musste
Verfasser noch unbekannt
Die bevorstehende Geburt des Christkinds bereitete den Engeln
ziemliches Kopfzerbrechen. Sie mussten nämlich bei ihren Planungen sehr
vorsichtig sein, damit die Menschen auf Erden nichts davon bemerkten.
Denn schließlich sollte das Kind in aller Stille geboren werden und nicht
einen Betrieb um sich haben, wie er in Nazareth auf dem Wochenmarkt herrschte.
Probleme gab es auch bei der Innenausstattung des Stalles von Bethlehem.
An der Futterraufe lockerte sich ein Brett aber hat jemand schon einmal
einen Engel mit Hammer und Nagel gesehen?! Das Stroh für das Krippenbett
fühlte sich hart an, das Heu duftete nicht gut genug, und in der Stalllaterne
fehlte das Öl.
Aber auch was die Tiere anbetraf, gab es allerhand zu bedenken. Genau
an dem für den Engelschor auserwählten Platz hing ein Wespennest. Das
musste ausquartiert werden. Denn wer weiß, ob Wespen einsichtig genug
sind, um das Wunder der Heiligen Nacht zu begreifen? Die Fliegen, die
sich Ochse und Esel zugesellt hatten, sollten dem göttlichen Kind nicht
um das Näslein summen oder es gar im Schlafe stören. Nein, kein Tier durften
die Engel vergessen, das etwa in der hochheiligen Nacht Unannehmlichkeiten
bereiten könnte.
Unter dem Fußboden im Stall wohnte eine kleine Maus. Es war ein lustiges
Mäuslein, das sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließ, höchstens,
wenn die Katze hinter ihm her war. Aber dann flüchtete es schnell in sein
Mäuseloch zurück. Im Herbst hatte die Maus fleißig Früchte und Körner
gesammelt; jetzt schlief sie in ihrem gemütlichen Nest. Das ist gut, dachte
der verantwortliche Engel, wer schläft, sündigt nicht, und bezog die Maus
nicht weiter in seine Überlegungen ein.
Nach getaner Arbeit kehrten die Boten Gottes in den Himmel heim. Ein Engel
blieb im Stall zurück; er sollte der Mutter Maria in ihrer schweren Stunde
beistehen. Damit aber keiner merkten konnte, dass er ein Engel war, nahm
er seine Flügel ab und legte sie sorgsam in eine Ecke des Stalles. Als
die Mutter Maria das Kind gebar, war sie sehr dankbar für die Hilfe des
Engels.
Denn kurz darauf kamen schon die Hirten, nachdem sie die frohe Botschaft
gehört hatten, und der Hütehund und die Schafe. Obwohl die Männer sich
bemühten, leise zu sein, und sozusagen auf Zehenspitzen gingen, klangen
ihre Schritte doch hart und der Bretterboden knarrte. War es da ein Wunder,
dass die Maus in ihrem Nest aufwachte? Sie lugte zum Mäuseloch hinaus
und hörte die Stimme " Ein Kind ist uns geboren ...", konnte aber nichts
sehen.
Neugierig verließ sie ihr schützendes Nest und schon war die Katze hinter
ihr: Schnell wollte das Mäuslein in sein Mäuseloch zurück, aber ein Hirte
hatte inzwischen seinen Fuß darauf gestellt. "Heilige Nacht hin oder her",
sagte die Katze zu der entsetzten Maus, "jetzt krieg ich dich!"
Und damit ging die wilde Jagd los. Die Maus in ihrer Angst flitzte von
einer Ecke in die andere, sauste zwischen den Beinen der Hirten hindurch,
huschte unter die Krippe und die Katze immer hinterher: Zwischenzeitlich
bellte der Hütehund und die Schafe blöckten ängstlich. Irgendwo gackerte
aufgeregt eine Henne.
Die Hirten wussten nicht recht, was los war, denn eigentlich waren sie
gekommen, um das Kind anzubeten. Aber sie konnten ja ihr eigenes Wort
nicht mehr verstehen, und alles rannte durcheinander: Es ging zu wie in
Nazareth auf dem Wochenmarkt.
Als die Engel im Himmel das sahen, ließen sie buchstäblich ihre Flügel
hängen. Es ist tröstlich zu wissen, dass auch so unfehlbare Wesen wie
Engel nicht an alles denken. Das Mäuslein indessen befand sich in Todesangst.
Es glaubte seine letzte Sekunde schon gekommen, da flüchtete es in seiner
Not unter die Engelsflügel. lm gleichen Moment fühlte es sich sachte hochgehoben
und dem Zugriff der Katze entzogen. Das Mäuslein wusste nicht, wie ihm
geschah. Es schwebte bis unters Dachgebälk, dort hielt es sich fest. Außerdem
hatte es jetzt einen weiten Blick auf das ganze Geschehen im Stall.
Die Katze suchte noch ungläubig jeden Winkel ab, aber sonst hatte sich
alles beruhigt. Der Hütehund, bewachte die ruhenden Schafe. Die Hirten
knieten vor der Krippe und brachten dem Christkind Geschenke dar. Alles
Licht und alle Wärme gingen von diesem Kinde aus. Das Christkind lächelte
der Maus zu, als wollte es sagen, "Gell, wir wissen schon, wen die Katze
hier herunten sucht". Sonst hatte niemand etwas von dem Vorkommnis bemerkt.
Außer dem Engel, der heimlich lachen musste, als er die Maus mit seinen
Flügeln sah. Er kicherte und gluckste trotz der hochheiligen Stunde so
sehr, dass sich der heilige Josef schon irritiert am Kopf kratzte.
Es sah aber auch zu komisch aus, wie die kleine Maus mit den großen Flügeln
in die Höhe schwebte. Die erstaunte Maus hing also oben im Dachgebälk
in Sicherheit.
Und ihre Nachkommen erzählen sich noch heute in der Heiligen Nacht diese
Geschichte. Macht ihnen die Speicher und Türme auf, damit sie eine Heimat
finden - die Fledermäuse - wie damals im Stall von Bethlehem.
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