Weihnachten und Endorphine
eingesandt von Manuel Bayr
Der Schnee fiel aus dem dunklen Abendhimmel in dicken Flocken auf die
kleine Baubaracke in der Nähe des Waldes. Konstantin schüttelte sich vor
der Tür, damit der Schnee von seiner Jacke abfiel und zog sich die Stiefel
aus, bevor er eintrat. Denn es gab keinen Flur - man landete direkt im
"Wohnzimmer". Genaugenommen war dieser der erste Raum das "Küchen-Wohn-Arbeits-Schlafzimmer"
von Konstantin. Der kleinere zweite Raum sollte eigentlich das "Kinder-Schlaf-Spiel-Aufenthaltszimmer"
der beiden Kinder sein. Doch da es keine Fenster hatte, hielten sich die
Kinder meist im ersten Zimmer auf. Während Konstantin seine Kleider abklopfte,
wanderte sein Blick umher: Bärbel stand an einem der Fenster und zählte
Schneeflocken. Ihre blonden Locken schienen dabei das Licht widerzuspiegeln.
Sie wurde "die Große" genannt, obwohl sie erst acht Jahre alt war. Aber
ihr Bruder Peter, der gerade sehr angestrengt mit Buntstiften und Papier
auf dem Boden beschäftigt war, war vier Jahre jünger. In einer Ecke war
die "Küche" untergebracht. Sie bestand aus einer Spüle, einem Gaskocher,
der auch für die Heiß-Wasser-Zubereitung herhalten mußte und einem selbstgezimmerten
Holzschrank für das Geschirr. Die übrigen Möbel hatte Konstantin vom Sperrmüll
besorgt: ein Resopaltisch, dessen Seitenränder sich langsam auflösten,
dazu vier verschiedenen Stühlen, ein grün-samtenes Sofa und zwei Sessel,
von denen einer sogar zum Sofa passte. Ein Ofen, der noch mit Holz und
Kohle gefeuert wurde, sorgte für Wärme. Müde setzte sich Konstantin auf
das Sofa. Es war schon nach acht Uhr, und so bat er die Kinder, in den
kleinen selbstgezimmerten Anbau zu gehen, der gleich neben der Baracke
war. Dieser Anbau enthielt eine Toilette und etwas, was man mit viel Wohlwollen
als Duschkabine bezeichnen konnte. Dort hatte Konstantin gerade warmes
Wasser hingebracht. Das war auch der Grund, weshalb Peter trotz eines
sehnsüchtigen Blicks auf seine Zeichnung sofort die Hand seiner Schwester
ergriff und wortlos mit ihr mitging. Sie wußten, dass sich bei diesen
Außentemperaturen die Wasserwärme nur kurz halten würde. Konstantin drehte
die Petroleumlampe etwas niedriger. Jetzt konnte auch er die Schneeflocken
fallen sehen und sogar ab und zu das Blitzen eines Sternes. "Gott zündet
seine Kerzen an", hätte Ann jetzt gesagt.
Ann! War es wirklich erst drei Jahre her? Ihm kam es wie eine Ewigkeit
vor. Sie hatten sich während ihrer Studienzeit in Heidelberg kennengelernt.
Die junge Ökotrophologin spielte abends Saxophon in einem Jazzkeller.
Ach, sie war herrlich! Sie kannte keine Konventionen, war ständig auf
den Beinen, musste immer irgendetwas unternehmen. Ihr langes hellbraunes
Haar flatterte im Wind, wenn sie sich übermütig auf einen Brunnenrand
schwang. Und ihr Lachen erst - ihr Lachen vertrieb alle düsteren Gedanken.
Konstantin war eigentlich nie recht klar, wieso sich ein solcher Wirbelwind
in ihn, den ruhigen, fast schon gesetzt wirkenden Chemiestunden so wahnsinnig
verlieben konnte. Okay, er war intelligent, gut im Bett, treu und konnte
zuhören. Aber bei allen anderen Dingen, auf die Frauen sonst Wert legen,
versagte er völlig, z.B. bei tropfenden Wasserhähnen oder beim Rückwärts-Einparken.
Sie zogen zusammen und wider Erwarten nahm ihre Zuneigung nicht ab - eher
noch zu, weshalb sie sich auch für Kinder entschieden. Konstantin erhielt
seine erste Stelle bei einem Konzern in Mannheim, Ann engagierte sich
immer mehr in einer Umwelt-Organisation. Durch diese Tätigkeit wurde sie
auch auf einen Plutonium-Deal aufmerksam, den der BND eingefädelt hatte.
Sie ermittelte verdeckt, so dass Konstantin sie oft wochenlang nicht zu
Gesicht bekam. An einem Dienstagabend bekam er einen Anruf von ihr. Sie
habe nun genug Material zusammen und wollte es am nächsten Tag öffentlich
machen. Am nächsten Tag stand nicht Ann vor der Tür, sondern zwei Polizisten.
Sie überbrachten ihm kurz und nüchtern die Nachricht, dass Ann in München
einen "tragischen Unfall" erlitten habe und unter die Räder einer Straßenbahn
gekommen sei. Für Konstantin brach eine Welt zusammen. Erst Tage später
versuchte er, das Material, das Ann gesammelt hatte, ausfindig zu machen.
Aber ihr Hotelzimmer war längst durchwühlt worden. Gleichzeitig bekam
er völlig unvermittelt Schwierigkeiten im Unternehmen. Bislang war sein
Aufstieg, auf Grund seiner hohen Qualifikation, nahtlos und ohne Probleme
verlaufen. Nun schottete man ihn plötzlich zunehmend von Geschäften ab,
die mit Auslandkontakten zu tun hatten. Eine der großen Handelspartner
des Unternehmens war der Irak, und Konstantin hatte nie ein Hehl daraus
gemacht, dass ihm die Konzernaktivitäten in diesem Land höchst merkwürdig
vorkamen. Das nahm man zum Vorwand, um ihm unter vier Augen mitzuteilen,
dass man an keiner weiteren Zusammenarbeit interessiert sei.
In dem Jahr darauf musste Konstantin feststellen, dass offensichtlich
auch kein anderes Unternehmen an ihm interessiert war. Er stand auf einer
"Schwarzen Liste", deren Existenz natürlich jeder Personalchef leugnete.
Peter war etwas über ein Jahr, Bärbel fünf, als Ann starb. Konstantin
musste einen großen Teil seiner Zeit zu Hause verbringen, das Arbeitslosengeld
war bald aufgebraucht. Nun folgte rasch Arbeitslosenhilfe, die eigentlich
durch Sozialhilfe ergänzt werden musste. Aber das brachte Konstantin nicht
übers Herz. Wir alle wissen, dass bei Sozialhilfe das Einkommen von Verwandten
in gerader Linie angerechnet wird. Die Mutter von Konstantin hatte nicht
mehr als eine schmale Rente, die seit den Haushaltseinsparungen noch schmaler
geworden war. Die Eltern von Ann lebten schon lange nicht mehr - er musste
zusehen, wie er sich ohne fremde Hilfe durchschlug. So waren sie schließlich
in dieser Baracke eines alten Freundes, der keine Miete wollte, an der
Grenze zur Schwäbischen Alp gelandet. Dies war ihr erstes Weihnachten hier draußen.
Als die beiden zurückkamen, hatten sie schon ihre Schlafanzüge an. Konstantin
hatte zwei Kerzen angezündet. An diesen vorweihnachtlichen Abenden ließen
sie oft die Gute-Nacht-Geschichte ausfallen und standen stattdessen zu
Dritt vor dem Fenster, um den fallenden Schneeflocken in Stille zuzusehen.
Bärbel erklärte Peter gerade, dass die Sterne am Himmel in Wirklichkeit
große Leuchtkäfer wären, die den himmlischen Heerscharen den Weg wiesen.
Und jetzt im Winter würden sie sich vor Kälte schütteln, dass Teile ihres
weißen Pelzes als Schneeflocken auf die Erde fielen. Peter schaute mit
offenem Mund zum Fenster hinaus: "Was Du alles weißt", meinte er zu Bärbel
gewandt. "Ja Bärbel, Du bist halt schon viel größer als ich. Ich hab'
immer geglaubt, dass die Sterne so große gasförmige Gebilde wären, die
mit Millionen von Grad verglühen. Und Schneeflocken habe ich immer für
einen anderen Aggregatzustand von Wasser gehalten, den es in hohen kühlen
Luftschichten annimmt." Bärbel streicht ihrem Bruder liebevoll durchs
Haar und meinte: "Bist halt ein rechtes Dummerle, Peter. Aber Du wirst
die Sachen auch noch tüchtig lernen, wenn Du mal in die Schule kommst."
Konstantin lächelte - ja, Bärbel kam ganz nach ihrer Mutter. Dann ging
es ab ins Bett. Liebevoll deckte Konstantin die beiden zu, gab jedem einen
Kuss auf die Stirn und schloss leise die Tür.
Im Wohnzimmer räumte er die wenigen Spielsachen auf, die seine Kinder
besaßen, spülte schnell, schaute zu, dass auf dem Holztisch kein Brösel
zurückblieb und rückte einen der grün-samtenen Sessel ans Fenster. Jetzt
brannte nur noch eine Kerze. Konstantin schaute in die Dunkelheit hinaus
und atmete schwer. Er selbst kam mit dem kargen Leben durchaus zurecht
- aber dass er seine Kinder so gar nichts bieten konnte, dass tat ihm
schon in der Seele weh. Schon seit einigen Wochen versuchte er, aus Holz
und einigen Abfallmaterialien etwas Spielzeug herzustellen, aber seine
Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren bescheiden. Es würde nicht viel zu
Weihnachten geben. Er dachte an die Geschichten seiner Kindheit zurück,
die von Weihnachtsmännern, Christkindern und Engeln handelten und immer
mit ein Happy End hatten. Ach, so ein Engel, das wäre jetzt was. Er konnte
sich so sehr in seine Vorstellung vertiefen, dass er wirklich im Schnee
einen Engel auf das Haus zustapfen sah. Er gab diesem Bild nach. Es vermittelte
etwas von Wärme, Geborgenheit,... In diesem Moment klopfte es laut gegen
die Tür. Konstantin schrak auf und schoß regelrecht aus seinem Sessel
auf. Als er die Tür öffnete, stand der Engel vor ihm, den er gerade durch
das Fenster gesehen hatte. Aber es war gar kein Engel. Es war eine junge
Frau mit einem weißem Wintermantel, einer weißen Mütze, weißen Handschuhen
und einer verfrorenen Nase. "Bitte", hauchte sie, "darf ich reinkommen?"
Das war keine Frage. Immer noch völlig überrascht und unfähig, ein Wort
zu reden, gewährte er ihr durch Gesten Einlass. Sie trat ein und musste
sich vor Erschöpfung sofort gegen eine Wand lehnen. "Schon drei Stunden
wandere ich in dem Schneegestöber umher", sagte sie leise, und man konnte
unschwer erkennen, dass sie den Tränen nahe war. Zu allem Überfluss begann
nun auch noch ihre Nase zu tropfen. Wie ein kleiner nasser Dalmatiner",
dachte Konstantin bei sich und hatte Bilder von Walt Disney's Zeichentrickfilm
vor Augen. Als sie begann, langsam an der Wand runterzurutschen, wurde
er schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt und fing sie auf. Er half
ihr, den Mantel, die Mütze und die Stiefel auszuziehen und führte sie
zum Sessel, worin sie schwer niedersank. Er wollte eine Petroleum-Lampe
anmachen, aber sie meinte: "Nein, bitte, lassen Sie es, wie es ist . Es
ist gut so." Sie willigte ein, dass er einen Früchtetee zubereitete. Langsam
wurde ihr Atem ruhiger. Inzwischen hatte er auch ein Stofftaschentuch
aus dem Wäsche-Geschirr-Schrank geholt - Papiertaschentücher konnten sie
sich schon lange nicht mehr leisten - und ihr sachte in die Hand gedrückt.
Dankbar lächelnd schaute sie ihn an. Und Konstantin überkam ein Gefühl,
das er schon lange nicht mehr gehabt hatte: Es war etwas, das Pe Werner
- die übrigens vom Typ her genau nach seinem Geschmack war - als "Kribbeln
im Bauch" oder Herbert Grönemeyer - der einen sehr sympathischen Vornamen
hatte - als "Flugzeuge im Bauch" beschrieben hatten. Peterle würde jetzt
sicher sagen, dass es sich um Neurosubstanzen auf der Basis von Morphinen,
also um Endophine, handele, die im Gehirn eine Transmitterfunktion zwischen
der Großhirnrinde und der retinalen Formation ... aber was wusste Peter
schon von Liebe!
Konstantin rückte seinen Sessel gegenüber des ihren hin und ließ sie aller
Ruhe ihren Tee trinken, ohne auch nur durch eine einzige Frage die Stille
zu stören. Langsam kam wieder Leben in sie, und sie fing an, ihn mit interessierten
Blicken zu mustern. Solche Blicke von Frauen scheute Konstantin in der
Regel, er war mehr der zurückhaltende Typ. Sicher, er war intelligent,
gut im Bett, treu und konnte zuhören. Aber bei allen anderen Dingen, auf
die Frauen sonst Wert legen, versagte er völlig, z.B. bei Autoreparaturen
oder beim Möbeltransport. Oft hatte er auch das Gefühl, dass er sich in
seinen Gedankengängen wiederholte.
Nun endlich nannte sie auch ihren Namen: Raphaela. Raphaela, das zerging
auf der Zunge wie weiße Kokosnußbällchen ohne Schokolade. Raphaela klang
wie der Name eines Engels - oder wie der Name einer Radiomoderatorin im
Stuttgarter Raum, die für ihn immer unerreichbar blieb. Nur ihre Sendung
hatte er früher, als sie noch ein Radio besaßen, immer gehört. Es war
jene moderierte Sendung, während derer Hörer anrufen und über ihre Probleme
sprechen konnten:
Ob man Liebe machen dürfte, ohne vorher geduscht zu haben; ob kleinwüchsige
Bartträger vom Leben besonders benachteiligt seien; ob Frauen wegen der
Gleichberechtigungsquote auch am Männer-Strip beteiligen sollten usw.
Ja, er hatte diese Sendung geliebt!
Raphaela hatte Vertrauen zu Konstantin geschöpft. Sie spürte irgendwie,
dass sie ihm ihr Herz ausschütten konnte. Peterle hätte jetzt sicher gesagt,
dass evolutionsgeschichten Frauen die soziale Treue eines Mannes, der
ihre jungen beschützen sollte, über kommunikative ... aber was wusste
Peterle schon vom Leben! Und Raphaela beschloß, völlig offen gegenüber
Konstantin zu sein. Sie erzählte ihm, dass sie heute Abend in der festen
Absicht, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, in die Kälte aufgebrochen sei.
Ihr sei alles so sinnlos vorgekommen. Gewiss, sie hatte Geld, mehr als
sie ausgeben konnte, sah mit ihren 34 Jahren noch blendend aus, hatte
eine Traumfigur und einen Doktortitel in Philosophie - aber im Grunde
ihres Herzens war sie einsam. Konstantin fragte sanft, ob sie vielleicht
beruflich Kraft ... schon traten wieder Tränen in ihre Augen. Das sei
gerade das Schlimme: ihr Beruf! Konstantin befing eine Ahnung: Sollte
sie in einsamen Nächten Männerbekantschaften ... Aber nein, gleich die
nächsten Sätze zerstreuten seine Vermutungen. Nein, sie habe gleich nach
dem Studium Karriere gemacht, sei heute die Moderatorin einer erfolgreichen
Talksendung im Radio, wäre ständig von Menschen umgeben. Konstantin erstarrte
förmlich: War sie es wirklich? Konnte das sein? War sie "seiner" Raphaela?
Inzwischen redete Raphaela weiter: Seit Jahren würde sie sich die Probleme
von Wohlstandsbürgern und -bürgerinnen anhören: Ob kleinwüchsige Bartträger
vom Leben besonders vom Leben benachteiligt seien oder ob man vor der
Liebe duschen müsste . Jahraus, jahrein immer das Gleiche. Bestand das
ganze Leben nur aus Bartträgern und Duschen? War das alles? Nein, sie
hielt es einfach nicht mehr aus, diese Sinnlosigkeit, diese Eintönigkeit,
diese Flachheit, diese Gedankenlosigkeit ... Dann doch lieber gleich Schluss
machen, hatte sie gedacht. Doch nachdem sie eine Weile durch den Schnee
gestiefelt war - ihr Auto hatte sie am Waldparkplatz stehen lassen - war
ihr kalt geworden. Nach einer weiteren Weile war ihr noch kälter geworden,
und sie fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sie endlich stürbe.
Peterle hätte jetzt wahrscheinlich erwähnt, dass die Körpertemperatur
... aber was verstand Peterle schon vom Tod! Schließlich war es doch arg
kalt, die Vorstellung einer Dusche mit warmen Wasser erschien ihr plötzlich
in einem völlig anderem Licht, und sie beschloß, weiterzuleben. Aber inzwischen
hatte sie sich schon verirrt und fand den Weg zum Auto nicht mehr. So
geriet sie immer tiefer und tiefer in das Schneegestöber, bis sie dachte,
sie würde es nicht weiter schaffen. Da hatte sie das schwache Licht in
den Fenstern der Baracke gesehen. Zuerst dachte sie, sie würde sich täuschen,
aber je näher sie kam, desto klarer waren die Umrisse zu erkennen und
mit letzter Kraft schaffte sie es bis zur Tür. Den Rest würde Konstantin
kennen.
Konstantin schwieg lange. Er wusste nicht recht, was er sagen sollte.
Er war auch gehemmt, da die Radiomoderatorin seiner Träume vor ihm saß.
Schließlich goß sie sich einen weiteren Tee ein und forderte ihn auf,
doch etwas von sich zu erzählen. Sie hatte inzwischen die Möbelierung
in Augenschein genommen und unschwer festgestellt, dass es mit Konstantin
nicht zum Besten bestellt war. Zunächst begann er nur sehr zögerlich zu
sprechen. Aber Raphaela war geschickt in Rückfragen und konnte sich sehr
gut in Konstantin hineinversetzen. Überflüssig zu sagen, dass Peterle
hierin die Elemente der Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhaltenach
Rogers gesehen hätte. Was wusste Peterle schon von Gesprächen! Konstantin
taute immer mehr auf und beschloss, nun genauso ehrlich zu erzählen, wie
Raphaela das getan hatte. Er sprach von seinen Kindern, von Ann, vom BND,
von seiner Lage, von seiner Hoffnungslosigkeit. Zwischendrin war er auch
versucht, von der selbstgezimmerten Dusche in Anbau zu sprechen - aber
er ließ es dann doch weg, da er die Vermutung hatte, dass Duschen bei
Raphaela nicht besonders gut ankamen.
Es war zwei Uhr nachts, bis beide sich ihr Herz ausgeschüttet hatten.
Raphaela wollte nun unbedingt noch einen Blick auf die Schlafenden Kinder
werfen, was Konstantin auch zuließ. Danach stellten sie sich noch ans
Fenster und schauten den Schneeflocken in ihrem Tanz zu. Konstantin hatte
irgendwann zwischendurch den Arm um Raphaela gelegt. Sie hatte keinen
Widerspruch erhoben und den Kopf an seine Schulter angelehnt. So schlief
sie ein, was Konstantin an irgendeine Szene eines alten Zeichentrickfilms
erinnerte, der mit Hunden zu tun hatte. Er trug sie zum Sofa, deckte sie
mit der einzigen Decke zu, die noch vorhanden war und rollte sich selbst
in den abgeschabten Teppich auf dem Boden ein.
Am nächsten Tag beschloß sie, noch zu bleiben. Sie wurde von den Kindern
sofort ins Herz geschlossen - niemand tollte so herrlich mit ihnen im
Schnee herum wie sie! Bereits an diesem zweiten Abend fragte sie Konstantin,
ob sie nicht immer beieinander bleiben wollten. Er tat sich zunächst mit
einer Antwort schwer, dachte dann aber bei sich, dass er ohnehin nichts
mehr zu verlieren habe und stimmte zu. Am dritten Tag packten sie die
wenigen Habseligkeiten, die in der Baracke waren, in einige große Bündel.
Dann machten sich alle vier auf dem Weg zu dem Parkplatz, auf dem Raphaela
ihr Auto hatte - Konstantin fand den Weg ohne Probleme. So konnten sie
den heiligen Abend bereits in dem geräumigen Haus von Raphaela verbringen,
das am Rande von Stuttgart lag. Es war ein Fest, wie es die Kinder noch
nie erlebt hatten: Mit all ihren Lieblingsspeisen, mit tollen Geschenken,
mit einem wunderschönen Christbaum!
Ja, auch die Zukunft der kleinen neuen Familie wurde glücklich. Konstantin
übernahm die Radiosendung von Raphaela. Er hatte weder etwas gegen kleinwüchsige
Bartträger noch gegen Duschen und kam ausgesprochen gut mit den Anrufen
zurecht. Raphaela tat nun das, was ihr all die Jahre versagt geblieben
war: Sie kümmerte sich um die Kinder, hielt das Haus in Schuss und Besuchte
Volkshochschulkurse. Und an manchen Winterabenden schauten Raphaela und
Konstantin mit einem leisen Lächeln durch das Wohnzimmerfenster, während
er den Arm um sie schlang und sie ihren Kopf leicht an seine Schulter
lehnte.
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